Freitag, 13. August 2010

Das erste vollkommen langweilige Abenteuer der mittelmäßigen Sonja

Die mittelmäßige Sonja war eigentlich gar nicht so mittelmäßig, wie es der Titel dieser kleinen Geschichte vielleicht implizieren könnte. Sie war nur mittelmäßig im Sinne von "in ihren Mitteln mäßig", im Sinne von "reduziert".

Sie freute sich zum Beispiel mittelmäßig, als sie zu ihrem 7. Geburtstag endlichendlichendlich ein seit langem ersehntes Geschenk bekam. (Was das ist, wird eventuell in einer Folge-Geschichte thematisiert.)
Sie ärgerte sich nur mittelmäßig, als dieses Geschenk - noch bevor sie es erstmals benutzen konnte - von einer tollwütigen Kuh zertrampelt wurde.
Sie war mittelmäßig traurig, als ihr Opa an einer Fischvergiftung starb. Mit Schaum vor dem Mund und platzenden Augäpfeln.
Sie erschrak sich mittelmäßig, als ihre Oma dadurch erst in Ohnmacht, dann aus dem Fenster fiel und mit ihrem Kopf die steinerne Eingangsfigur, einen pfeifenden Engel, zerstörte.

Im ganzen Dorf war niemand mittelmäßiger. Nicht einmal der Herr Bürgermeister mit seinem dicken Schnauzbart und seiner Vorliebe für mittelmäßige Kinofilme.

Und sie war überdurchschnittlich mittelmäßig fies, die mittelmäßige Sonja. Manchmal stach sie den Menschen einfach so ins Auge. Oftmals ins Linke, aber nicht immer. Deshalb hatte sie ein Einzelzimmer. Das einzige Einzelzimmer im ganzen Haus.

Sie war das siebente von 13 Kindern, gehörte also nicht zu den Jüngeren, aber auch nicht zu den Älteren - und auch das machte sie quasi mittelmäßig. Ihre Eltern waren zwei Bauern, die einst Tischler gewesen waren , dann aber Mitleid mit den Bäumen bekamen. Sie züchteten von nun an gewaltfreies Mehl mit Karos und verschenkten es an die Reichen. Wovon sie eigentlich lebten war unklar, aber die Familie kam zurecht, wie eine Familie eben zurecht kommt, wenn man schreibt, dass sie zurechtkommt.

Die mittelmäßige Sonja war für all die Aufgaben im Hause verantwortlich, die keiner machen wollte. Sie stampfte zum Beispiel die Kartoffeln für das Kartoffelpüree, welches es eigentlich jeden Tag zu essen gab. Als ehemalige Tischler führten Sonjas Eltern die Tradition des tägliche Kartoffelpüree-Essens fort. Wie es ihre Eltern getan hatten. Wie es ihre Kinder ebenfalls tun werden.

Die mittelmäßige Sonja war mittelmäßig klein und hässlich. Sie hatte uringelbe Korkenzieherlocken und ein kantiges, von Pockennarben durchwulstetes Gesicht, auf dem eine schiefe Brille mit Kompottgläsern und dickem neongrünem Gestell hauste. Sie hauste dort deshalb sprichwörtlich, weil sie wie eine Autobahnbrücke im Naturschutzgebiet wirkte. Obwohl Sonjas Gesicht wohl eher ein vernebeltes Hochmoor war, das Blasen schlug und stinkend vor sich hinsuppte.
Sonja trug eine Zahnspange, die 1971 von der Genfer Konvention verboten wurde. Das hatte sich aber bei den Eltern noch nicht rumgesprochen. Deshalb. Arme mittelmäßige Sonja.

Eines Tages kam ein Sturm. Ein großer. Er zerstörte die ganze Stadt und das ganze Land und beinahe auch die ganze Welt. Vorher kam er aber am Haus der Eltern vorbei. Die ganze Familie wurde durch die Luft gewirbelt und kam ein paar Kilometer weiter, mehr oder weniger unversehrt, zu Boden. Die mittelmäßige Sonja allerdings wurde bis nach Frankreich geweht. Warum, weiß man nicht. Und es wird auch nie geklärt werden. Sie schrie zwischendurch einige Male halbherzig, wartete aber sonst die meiste Zeit des Fluges ab, hielt ihre Brille fest und überlegte, wie sie ihre 3-Fragezeichen-Hörspielkassetten innovativ sortieren könnte.

Als sie in Frankreich auf einem Pflanzenmarkt-Parkplatz gelandet war, wollten sie ein paar Räuber überfallen. Auf Französisch heißen die zwar nicht Räuber, aber glaubt mir, sie machen dasselbe wie unsere Räuber. Und das wiederrum macht sie nicht zu guten Brettspielpartnern.

Die mittelmäßige Sonja zuckte mit den Schultern, weil sie ja nicht verstand, was die französischen Räuber wollten, dann stach sie dem Größten von allen ins Auge, und zwar ins Linke, und aß einen Nussriegel, den sie zufällig dabei hatte. Die Räuber flüchteten. So etwas mittelmäßig hinterhältiges war ihnen in ihrer ganzen Räuberkarriere noch nicht untergekommen. Sie hielten die mittelmäßige Sonja für eine außerordentlich außerirdische Lebensform.
Die mittelmäßige Sonja lachte. Aber nur ein bisschen.

Durch Zufall war ein Taxifahrer, der gerade Zeit hatte und nicht mehr arbeiten musste, weil seine Frau Karriere als erfolgreiches Nagelmodel gemacht hatte und der durch einen noch viel größeren Zufall aus dem Nachbardorf der Eltern der mittelmäßigen Sonja stammte und Platz im Auto hatte, am selben Würstchenimbiss wie die mittelmäßige Sonja und nahm sie mit nach Hause.
Das die mittelmäßige Sonja sich nach dem Vorfall mit den französischen Räubern auf dem Pflanzenmarkt-Parkplatz zum Würstchenimbiss begeben hatte, habe ich versehentlich übersprungen. Aber sie tat es. Und ihr habts ja trotzdem verstanden. - Also lest jetzt gefälligst nochmal diesen grandiosen Schachtelsatz am Anfang dieses Absatzes.

Als sie schließlich wieder in ihrem Einzelzimmer saß, sortierte sie ihre 3-Fragezeichen-Hörspielkassetten nach der Häufigkeit des Wortes "und". Es ergab sich eine äußerst interessante Anordnung.

Ihren Eltern war gar nicht aufgefallen, dass sie weg gewesen war. Der mittelmäßigen Sonja auch nicht so richtig. Aber das machte ihr nur ein bisschen was aus...

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